Feminismus 2.0
Warum wir nie aufhören sollten, über Feminismus zu reden

Der Feminismus ist schuld, dass es so wenige Kinder gibt. Feministinnen sind hysterisch, dick und hässlich. Sie hassen Männer und mögen keinen Sex. Solche Argumente klingen nach Schubladendenken, Klischees und Vergangenheit. Sind sie aber nicht.

Das Wort Feminismus löst in vielen Köpfen eine Zeitreise aus. Sie bleiben zwar körperlich fest an Ort und Stelle, gedanklich machen sie einen Rückschritt. In das Jahr 1968, als die Romanistikstudentin Sigrid Damm-Rüger eine Tomate auf den damaligen SDS-Bundesvorsitzenden Hans-Jürgen Krahl warf und damit – so der Mythos – den Anfang der deutschen Frauenbewegung begründete. Oder in das Jahr 1977, als die erste Ausgabe der EMMA erschien und Alice Schwarzer zur unumstrittenen Anführerin des deutschen Feminismus machte. Manch einer fühlt sich vielleicht auch nur ins letzte Jahr versetzt, als sich die besagte Ikone in einen „Zickenkrieg“ mit der CDU-Ministerin Kristina Schröder verwickeln ließ. Warum streiten die sich denn eigentlich noch? Heute ist doch alles anders.

Es war Anfang dieses Jahres, als die notwendige Diskussion um die Einführung einer Frauenquote in Führungsetagen wieder aufflammte. Notwendig, weil wir in Deutschland nur etwa 28 Prozent weibliche Führungskräfte haben, in Großunternehmen sind es nur gut sechs Prozent. Mir scheint, es war letzten Monat, als ich in der Zeitung lesen musste, dass die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen auch 2011 weit auseinanderklafft. Frauen verdienen 23 Prozent weniger als Männer. Es war gestern, als ich im Handyladen einen Surfstick kaufte und der Verkäufer mir mit einem süffisanten Grinsen sagte: „Die Bedienung ist so einfach, das kriegt sogar eine Frau hin.“

„Ist doch gar nicht so wild“, werdet ihr sagen, „wieso beschwerst du dich denn?“ Immer am Nörgeln, diese Feministinnen. Und: Er hat ja Recht. Dem Mann wurde bereits von Geburt an ein breites Wissen und vielerlei Fähigkeiten für alle Lebenslagen in die Wiege gelegt. Rasen mähen, Keilriemen reparieren, Glühbirne auswechseln, Computerprogramme installieren, die Kunst des Autofahrens an sich, das Verständnis für Sportregeln. Und es ist ja nicht so, als würde ich das nicht anerkennen. Nein, manchmal ertappe ich mich selbst dabei, wie ich unbequeme Aufgaben gerne an Männer abgebe, mit schiefgelegtem Kopf und großen Augen.

Wir Frauen nehmen das als selbstverständlich hin und sehen diese Rollenverteilung nicht als Nachteil. Die meisten Frauen, die ich kenne, würden sich sogar als gleichberechtigt und unabhängig bezeichnen – aber um Gottes Willen, bloß nicht Feministin genannt werden.

„Das liegt daran, dass in unserer Generation viel verloren gegangen ist“, sagt die Bloggerin Katrin Rönicke. „Die alten Traditionen aus der Frauenbewegung wurden nicht weitergegeben. Die dachten damals: Wir haben es geschafft, ihr könnt jetzt alles.“ Und weil das nicht so ist, müssen die Feministinnen heute versuchen diese Lücke zu füllen und eine Brücke zu bauen, sagt Rönicke. Dass ihr deshalb Nörgelei vorgeworfen wird, stört sie nicht. „Feminismus ist wichtig, und wir müssen das auch immer wieder betonen.“ Gerade, weil das ein internationaler Begriff sei, der Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Und um Stereotype zu bekämpfen und den Begriff positiv zu besetzen, müsse man das Kind eben auch beim Namen nennen.

Gut, dass es Frauen wie Katrin gibt. Denn so lange wir keine wirkliche Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen haben, brauchen wir Frauen, die dafür aufstehen. Und mal ganz ehrlich, gegen welchen –ismus existieren denn keine Vorurteile, die sich mit ein bißchen Verständnis und Interesse nicht weitestgehend aus der Welt schaffen lassen.

Nach dem Feminismus ist vor dem Feminismus.

One Comment

  1. Posted 4. Juni 2011 at 13:57 | Permalink

    Gleichberechtigung erfordert leider Einsicht von allen Seiten und es stimmt eben einfach, dass traditionelle Rollenverteilungen von allen Beteiligten mitgetragen werden. Das Problembewusstsein fehlt mittlerweile bei (gefühlt) mehr Frauen als Männern (die sich doch irgendwie immer irgendwelcher Schuld bewusst werden). Aber Bequemlichkeit ist einfach der Feind jeden Fortschritts.

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