Frauenquote bei der re:publica
»Wir werden weiter auf eine 50:50-Quote hinsteuern«

re:publica-Gründer Johnny Haeusler sprach im Interview über die Frauenquote bei der re:publica und warum die Teilnahme von Frauen auf der Konferenz so wichtig ist.

Wie entscheidet das Organisationsteam, welche Vorträge und Diskussionen es auf der re:publica geben wird?

Einen Teil der Speaker sprechen wir selbst an und laden sie nach unseren Wünschen und Ideen ein. Bei den Call-For-Papers-Einreichungen setzen wir uns in kleinen Teams zusammen und wählen aus, denn es sind etwa drei- bis viermal so viele Einreichungen, wie wir zeitlich und räumlich unterbringen können.

Welche Beiträge sind von Anfang an chancenlos?

Abgelehnt wird meistens das, was nach reiner PR aussieht – dabei können Irrtümer passieren, meistens liegen wir aber richtig. Bei ähnlichen Themen-Einreichungen versuchen wir den Vorschlag zu nehmen, der am besten formuliert ist und der am spannendsten klingt. Wiederholungen zum Vorjahr wollen wir natürlich auch vermeiden.

Stimmt es, dass ihr in diesem Jahr alle Einreichungen von Frauen angenommen habt?

Fast, denn es gab ein paar Themen von Rednerinnen, die doppelt und dreifach kamen und auch ein paar Einreichungen aus dem PR-Bereich, die wurden nicht angenommen. Grundsätzlich versuchen wir aber, allen Rednerinnen Platz und Raum zu geben, denn wir bekommen weitaus weniger Einreichungen von Frauen als von Männern. Durch unsere Vorauswahl können wir ein wenig Einfluss auf die Quote nehmen, um für die kommenden Jahre immer mehr Frauen zu motivieren. Ich denke, etwa 95% aller Einreichungen von Frauen konnten wir in diesem Jahr annehmen. Trotzdem: Ein unpassendes Thema kommt nicht rein, nur weil es von einer Frau vorgeschlagen wurde. Das wäre albern.

Achtet ihr auf eine ausgewogene Quote bei den Speakern?

Ja. Soweit uns das möglich ist. Das ist wichtig, weil eine re:publica mit zu hohem Männeranteil Gefahr läuft, langweilig und einseitig und nicht annähernd repräsentativ zu sein. Ich weiß, dass es viele Frauen gibt, die zu re:publica-Themen eine Menge zu sagen haben und sowieso viele Frauen, die im Netz aktiv sind. Die sind aber in den ersten Jahren der re:publica noch zögerlicher mit Einreichungen gewesen.

Wann hat sich das geändert?

Das Eis brach, als sich 2009/2010 einige Frauen mit ihren Einreichungen zusammengetan hatten, um eben nicht so alleine dazustehen. Die Sorge kann ich absolut nachvollziehen und fand dieses “Bündnis” daher sehr clever und cool. Das hat wirklich etwas bewegt, denn im darauf folgenden Jahr konnte man dasspüren. Wir haben aber selbst auch immer auf eine Quote geachtet und ich denke, dass das auch dazu beigetragen hat, dass in diesem Jahr bereits viel mehr Frauen Themen eingereicht haben, als noch vor zwei oder drei Jahren. Wenn man nicht mehr den Eindruck hat, als eine der ganz wenigen Frauen auf der re:publica zu reden, sondern als eine von vielen, dann wird das alles lockerer. Da müssen wir hin und wir werden weiter auf eine 50:50 Quote hinsteuern, damit die re:publica auch in diesem Bereich einen gültigen Auszug aus der Gesellschaft bieten kann. Die Hälfte der Menschen auf dem Planeten sind Frauen – es sind mehr, ich vereinfache an dieser Stelle – und es wäre klasse, wenn auch mindestens die Hälfte der re:publica-Speaker Frauen sind. Für die Gäste gilt das gleiche.

Welchen Einfluss haben negative Beiträge über feministische Themen auf Twitter, Facebook und Blogs auf künftige Konferenzen?

Der Einfluss der Frauen, die sich für das Thema einsetzen, ist höher als der jener Männer, die „dagegen“ sind. Wir haben so viele Themen, wer von dem einen oder anderen genervt ist, hat viele Alternativen. Man wird nicht zum Besuch eines Panels oder Talks gezwungen. Und ich verstehe sowieso nicht, warum man sich als Mann für alle möglichen Nischenthemen auf der re:publica einsetzt und dann aber bei einem (auch netz-) gesellschaftlich so relevanten Thema wie den Frauenrechten plötzlich meinen muss, dass sich die Frauen zurückhalten sollten, weil das alles Blödsinn wäre. Wäre es Blödsinn, würden sich nicht so viele Menschen damit beschäftigen.

Wie werdet ihr in Zukunft mit dem Thema Feminismus umgehen?

Die re:publica wird natürlich keine reine Feminismus-Konferenz werden, das Thema wird jedoch Teil der re:publica bleiben. Ich stamme aus einer Generation, die mit einer „älteren“ Form des Feminismus aufgewachsen ist und finde es spannend und großartig, dass es eine neue Generation von Frauen gibt, die sich für ihre Rechte und Belange engagieren. Dabei wäre ich wäre froh, wenn das Thema gar keines mehr wäre und alles ganz einfach wäre, doch das ist es nicht und darum bleibt es wichtig. Nicht ausschließlich, aber auch und besonders im Netz.

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Johnny Haeusler wurde 1964 in Berlin geboren. Bis 1994 war er Sänger und Gitarrist der Rockband Plan B. Danach war er als Radiomoderator unter anderem für das Chaosradio des Chaos Computer Clubs tätig. Nebenher designte er erfolgreich Webseiten für unabhängige Bands und Labels, später gründete er die „defcom GmbH“, die zahlreiche Medienpreise gewann. Seit 2002 betreibt er gemeinsam mit seiner Frau das Blog Spreeblick, das heute zu den erfolgreichsten und bekanntesten Blogs in Deutschland gehört. 2007 veranstaltete Spreeblick gemeinsam mit netzpolitik.org zum ersten Mal die re:publica.