hatr.org
Aus Troll-Attacken Profit schlagen

Das Internet ist eine Spielwiese: Wer Zutritt zu ihr hat, kann im Schutze der Anonymität frei seine Meinung äußern, eine andere Identität annehmen und Dinge wagen, die außerhalb des Netzes nicht möglich wären. Das veranlasst manche Menschen dazu, das Internet als Raum ohne Umgangsregeln und Grenzen zu verstehen. Die Plattform hatr ist eine Möglichkeit, sie in die Schranken zu weisen.

Es könnte so schön sein: Unbegrenzter Zugang zu Wissen, Online-Shops und alle erdenklichen Neuigkeiten schnell und aktuell an einem Ort gesammelt. Vernetzen, verabreden, verlieben – alles an einer Stelle und dazu muss man noch nicht einmal das Haus verlassen. Wären da nicht diese Störenfriede, die das Internet als Mittel benutzen, um anderen diesen Spaß zu verderben. Sogenannte Trolle, die gezielt abseitige/abstruse/energieraubende Diskussionen starten, durch Provokationen und Beschimpfungen Zeit rauben und dadurch sinnvolle Kommunikation verhindern.

Der Troll zählt in der skandinavischen Mythologie zu den unheimlichen Figuren. Er wird als böses Wesen beschrieben, das in Dunklen Höhlen haust, hinterhältig und gemein ist. Daraus leitet sich auch der Begriff eines Trolls in der Netzkultur ab. Er wird als Störer bezeichnet, der es auf besonders verletzlich wirkende und anfällige Opfer abgesehen hat. Um besonders effektiv zu sein, versucht er andere zu „ködern“ und an seiner Trollerei teilhaben zu lassen. Seiten mit feministischen Inhalten sind bei dieser Spezies besonders beliebt, weil – ja warum eigentlich?

Der Blogger, Buchautor und Journalist Sascha Lobo, der selbst schon Opfer eines Troll-Angriffes wurde, versuchte sich an der „Trollforschung“ und präsentierte auf der re:publica 2011 seine – mit Vorbehalt zu genießenden – Ergebnisse. Er stellte die These auf, dass sich Trolle aus idiotischen Gründen provoziert fühlten und deshalb vor allem reagierten.

In feministischen Blogs scheinen sich zahlreiche solche Provokationen zu finden, denn dort wird besonders intensiv „getrollt“. Anfangs harmlos wirkende Kommentare, Verbalattacken bis hin zu Morddrohungen – das steht bei Seiten mit (queer-)feministischen Inhalten an der Tagesordnung. Die Fixierung der Trolle habe laut Lobo jedoch auch einen positiven Effekt: „Gruppen, die attackiert werden haben einen größeren sozialen Zusammenhalt.“

Das zeigt sich auch in der Praxis: Beim GenderCamp 2010 entwickelte man die Idee, einen Sammelblog für sexistische, rassistische und homo- und transphobe Kommentare zu entwickeln und aus dieser „Scheiße“ im wahrsten Sinne des Wortes Gold zu machen. Nach Vorbild des amerikanischen Blogs „Monetizing the Hate – Making money from the crap people say” sollte die Seite zusätzlich Werbeeinahmen generieren, um damit feministische Projekte zu finanzieren. Anfang 2011 wurde die Idee von einer vierköpfigen Gruppe umgesetzt, zu der auch Katrin Ganz gehört.

Sie bloggt seit 2007 unter i heart digital life mit den Schwerpunkten DigitalLife, Feminismus und Queer. Sie hatte auf ihrem eigenen Blog bisher wenig Probleme mit Trollen, was sie auf ihre überwiegend akademischen Texte zurückführt, die wenig Angriffsfläche bieten. Trotzdem sind ihr die Probleme der troll-anfälligeren Blogs bewusst: „Feministische Blogs haben eigene Trolle, die mehr im Sinn haben als einfach zu x-beliebigen Themen zu stänkern und destruktiv im Internet unterwegs zu sein“, sagt Katrin Ganz. Da stecke mehr dahinter. Meist seien die Trolle Maskulinisten, die gegen das Feindbild Feminismus ankämpfen wollen. Und das mit Methoden fernab jener Sachlichkeit, die Grenzen überschreiten. „In der Schweiz gab es zum Beispiel einen Aufruf, Adressen von Frauenhäusern – die ja aus guten Gründen anonym sind – zu sammeln und im Internet zu veröffentlichen.“

Die fertige Plattform, hatr.org – collecting trolls, soll den Trollen den Wind aus den Segeln nehmen. Mit einer bisher überwiegend positiven Resonanz: Seit dem Start wurden 346 Kommentare aus einem Netzwerk von rund 30 Blogs gesammelt und sichtbar gemacht. Das Projekt erzeugt große Aufmerksamkeit – Aufmerksamkeit, die man den Störenfrieden eigentlich nicht geben will („dont’t feed the trolls“). Deshalb werden die unerwünschten Kommentare bei hatr aus dem Kontext gerissen – für den Leser ist nicht ersichtlich, auf welchem Blog und in welchem Zusammenhang getrollt wurde. Ein Nachteil sei, so Katrin Ganz, dass man durch Verlinkungen auf interessante Blogs stoßen könnte – die Trolle aber auch.

„Wenn der erste Ansturm vorbei ist, werden wir alles noch einmal überdenken“, sagt sie. Verbesserungsvorschläge und weitere Pläne hätten sie genug gesammelt. „Wir haben die Idee, die Kommentare für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Linguistische Studien, Netzwerkanalysen oder Trollforschung könnten unsere gesammelten Materialien nutzen.“ Das eingenommene Geld soll in neue emanzipatorische Projekte investiert werden – in die Entscheidung sollen alle betroffenen Blogs mit einbezogen werden.

One Comment

  1. Trolololol
    Posted 1. Juni 2011 at 07:35 | Permalink

    Sascha Lobo ist der Meistertroll. Mit seinen Beiträgen, die allenfalls in der Lage sind die Weisheiten eines 3-jährigen in den Schatten zu stellen, trolliert er das ganze Internet. Naja gut, nur die Leute, die seinen aussagelosen Krebs lesen.

    Ich finde das Projekt übrigens super! In Kaspereien und Troll-Attacken einen tieferen Sinn hereinzuinterpretieren und dann damit Profit schlagen zu wollen, kann nur vernünftig sein. Deshalb möchte ich gar nicht viel Glück wünschen, sondern direkt zum Erfolg gratulieren, mögen die Trolle reichlich kommen und das genannte Projekt mit vielerlei korrelierter Information versorgen. Wie schon Guttenberg sagte: “E pluribus unum” !

Kommentar abgeben

Deine Mail-Adresse bleibt unter uns. Felder mit * müssen ausgefüllt werden.

*
*
Bitte beachte die Netiquette.