re:publica
»Och nö, hier geht’s ja um Feminismus«

Auf der Blogger- und Social-Media-Konferenz re:publica treffen sich einmal im Jahr rund 3000 netzbegeisterte Menschen, um über aktuelle Themen rund um Medien, Kultur, Politik und Technik zu diskutieren. Feministische Netzthemen werden aber nicht von allen gern gesehen.

13. April 2011. Berlin, Friedrichstadtpalast, morgens kurz vor zehn Uhr. Das Wetter ist wechselhaft – zwischen nordisch anmutenden Winden und strahlendem Sonnenschein hat der Himmel über Berlin alles in seinem Repertoire. Die ersten Besucher strömen auf die re:publica, um für die nächsten drei Tage in eine andere Welt einzutauchen.

„Hui! Viele Rechner haben ihren Menschen mitgebracht“, twittert Diktator und trifft damit ins Schwarze. Wo man hinsieht offene Laptops, Tablet-PCs und Smartphones, ein Gerät pro Person ist das Minimum. Dazwischen sieht man immer mal wieder die Prominenz der Social-Media-Welt, Namensschilder vereinfachen die Suche nach bekannten Gesichtern. Manch einer hat seinen Twitter-Namen dazu geschrieben – nur zur Sicherheit.

In diesem Jahr gibt es insgesamt 297 Speaker, davon sind 81 Frauen. Es wird gemunkelt, dass alle Einreichungen von Frauen angenommen wurden, um die Quote an weiblichen Speakern zu erhöhen. Das Themenspektrum ist vielseitig: von der Revolution in Ägypten, über Lokaljournalismus im Internet, bis hin zu Modeblogs.

Mehr Frauen gab es nie – sagen die einen erfreut

Bei der ersten Konferenz, die 2007 stattfand, war Feminismus noch kein Thema, 2008 gab es einen Vortrag. Nach der re:publica 2009 beschlossen ein paar Teilnehmerinnen mit feministischem Background, dass es an der Zeit war, etwas zu verändern und das auch gleich selbst in die Hand zu nehmen. Die Gründung der Girls On Web Society war eine Maßnahme, die aus dieser Notwendigkeit zur Vernetzung heraus entstand.

2010 gab es ein Panel zum Thema Feministische Netzkultur 2.0 mit Helga Hansen, Rochus Wolff, Chris Köver, Ina Freudenschuß und Svenja Schröder, bei dem über den Stand der feministischen Bloggerszene, die bisherigen Ergebnisse und die Ziele gesprochen wurde. Kampagnenfähig sollte der Feminismus 2.0 werden und auch über den eigenen Kreis hinaus politischen Einfluss ausüben.

Auf der re:publica 2009 waren weibliche Speakerinnen Mangelware – sie machten gerade einmal 19 Prozent aus. 2010 stieg der Anteil minimal auf 20 Prozent. 2011 sieht das anders aus. Eine Nachrechnung ergibt eine Frauenquote von 30% von denen 14 Speakerinnen über feministische Themen sprachen. Männer mit feministischen Vorträgen gab es nicht – mit der Ausnahme von Sascha Lobo, der in seinem Vortrag über Trollforschung zumindest die rege Teilnahme eben dieser auf Blogs mit feministischem Content erwähnte.

Mehr Feminismus aber auch nicht – sagen die anderen erzürnt

Los geht es am Mittwoch früh mit dem Vortrag „Shitstorm? You can do it!“ von Katrin Ganz und Helga Hansen. Vor dem kleinen Raum in der Kalkscheune, der kleinen re:publica-Location neben dem Friedrichstadtpalast, drängeln sich die Besucher. Fünf Minuten vor Beginn wird die Tür geschlossen: „Keiner kommt mehr rein.“ Einige gehen kommentarlos, andere harren in der Hoffnung aus, dass vielleicht schon bald die ersten den Raum wieder verlassen. „Och nö, hier geht’s ja um Feminismus“, murmelt drinnen jemand. „Oh, wir sind hier falsch. Frau spricht über Feminismus… Wo bleibt der Shitstorm?“, war kurz darauf auf Twitter zu lesen.

Mittagspause. (Vegetarisches) Curry mit Linsenbällchen. Und Club-Mate, die Bionade der re:publicaner. Die Besucher ärgern sich lautstark oder digital über das unbeständige W-LAN – und den Feminismus, der in diesem Jahr präsent war wie nie zuvor.

Kurz vor 15 Uhr großer Andrang im Hof der Kalkscheune. „Herrschaft der Informatik – (cyber)feministische Perspektiven auf politisches Handeln“ von Nadine Lantzsch, Helga Hansen und Magda Albrecht stößt auf großes Interesse. Diskutiert wird hier “die Herrschaft der Informatik“, eine imaginäre Weltordnung, die Donna Haraway 1985 im „Cyborg Manifesto“ niederschrieb. Ist sie Utopie geblieben oder nach 25 Jahren tatsächlich Wirklichkeit geworden? Auch hier stellt sich die Frage, wer letztendlich an der Entwicklung neuer Politiken und politischen Prozessen teilhaben darf und wem dieser Zugang verwehrt bleibt.

Tag 2, 16 Uhr: „Blogger_innen im Gespräch“. Die taube Bloggerin und Lippenleserin Julia Probst erzählt mit Unterstützung ihrer Dolmetscherin eine witzige Anekdote über die WM 2010, als Jogi Löw voller Wut mit einer Wasserflasche um sich schmiss. Sie las ihm damals die Worte „Scheiße! Und immer kriegen wir Gelb“ von den Lippen und postete das auf Twitter. Die Geschichte begeistert das Publikum, ebenso wie Julias offene und lockere Art.

Das darauf folgende Gespräch mit Katrin Rönicke kann daran unmöglich anschließen. Es ist ein undankbarer Moment für ein undankbares Thema. Nach der Vorstellung ihres neuen Projektes Frau Lila thematisiert sie unter anderem die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen im Netz – besonders bei Wikipedia – und plädiert für einen runden Frauentisch. Das wird vom Publikum als „Genörgel“ aufgefasst, was von Männern wie von Frauen gleichermaßen kritisiert wurde.

Im letzten feministischen Vortrag des Tages erläutert die amerikanische Autorin und Aktivistin Cyberfeministinnen und Girls on Web mit Diana McCarty und Valie Djordjevic, Teresa Bücker und Katrin Rönicke, moderiert von Anne Roth. Diskutiert wird die Frage, ob es überhaupt Gemeinsamkeiten zwischen „alten“ und „neuen“ Netzfeministinnen jenseits der Geschlechterfrage gibt. Um 16 Uhr beendet Katrin Rönicke den feministischen Teil der re:publica mit ihrem Beitrag Stereotype, Sichtbarkeit und Wettkampf und die Wahrnehmung in der digitalen Gesellschaft.

„Was sollte eigentlich dieser ganze Feminismusquatsch?“

Bei den Nachbesprechungen (hier, hier und hier) zur Konferenz wird deutlich, wie unterschiedlich eine Veranstaltung ankommen kann. Den einen waren die feministischen Vorträge ein wichtiges Anliegen, den anderen zu viel: „Gefühlt hatte jede zweite Session irgendwas damit zu tun. Ich sage nicht, dass wir keinen Feminismus brauchen, oder dass ich das total doof finde“, oder falsch präsentiert.

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