(Gerechte) Sprache
Mit Sprache alle Menschen ansprechen

Binnen-I, Gender Gap, oder Splitting – im Netz haben Autoren zahlreiche Möglichkeiten, sich in ihrer Sprache geschlechtergerecht oder geschlechtsneutral auszudrücken. Eine Bestandsaufnahme.

Die Wurzeln der feministischen Linguistik liegen in den USA. Dort wurden bereits in den 70er Jahren Forschungen zum Thema „Sprache und Geschlecht“ begonnen. In Deutschland begründeten die deutschen Sprachwissenschaftlerinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz mit ihren Publikationen die notwendige Reformation der deutschen Sprache.

Man ging von den Überlegungen aus, Sprache sei patriarchalisch und durch diese würden Machtverhältnisse (mit)konstruiert. Im deutschen Sprachgebrauch verkörpern männliche Sprachformen das Allgemeine. Psychologische Studien bestätigen, dass dadurch andere Geschlechter ausgeschlossen werden, weil der gedankliche Bezug nicht vorhanden ist. Heißt: Männliche Formen erzeugen männliche Bilder. Ein Beispiel: Spreche ich von einem Bauarbeiter, weiß ich genau, welches Bild ich im Kopf des Lesers generiere. Gelber Helm, achselfreies weißes Feinripp-Unterhemd, schweres Schuhwerk – männlich. Stimmt doch, oder? Auch wenn Bauarbeiterinnen wahrscheinlich eher in der Unterzahl sind, dieses Prinzip bestätigt sich auch bei anderen Berufsbezeichnungen.

„Das Denken wird durch Sprache unmittelbar beeinflusst“, sagt Ute Scheub, taz-Gründungsmitglied und langjährige Redakteurin. Bei der Tagung „Sprachmächtig – 20 Jahre nach dem Binnen-I“ untersuchte die Journalistin und Publizistin den „langen Marsch des großen ‚I‘ durch die Institutionen.“ Sie achte darauf, überwiegend geschlechtsneutrale Sprache zu gebrauchen, das Binnen-I solle aber je nach Thema und Publikum weiter verwendet werden.

Entweder man liebt es, oder man hasst es

Das große „I“, auch Binnen-I oder Binnenmajuskel genannt, ist die am weitesten verbreitete Methode der feministischen Linguistik in Deutschland. Um die Sprache zu „demokratisieren“, wird an die männliche Ursprungsform eines Wortes ein „Innen“ gehängt – JournalistInnen, RedakteurInnen, AutorInnen. Die Züricher Wochenzeitung (WOZ) etablierte die Schreibweise 1984 und verwendet die Variante der geschlechtergerechten Sprache auch heute noch konsequent.

Ende der 80er Jahre adaptierte die taz, auf Vorschlag des damaligen Redakteurs Oliver Tolmein, die Binnenmajuskel aus der Schweiz und war damit Vorreiter in Deutschland. Bis auf einige Mitstreiter der alternativen Presse – und der einmaligen Verwendung durch den SPIEGEL – konnte sich das Binnen-I bei den traditionellen Medien aber nicht durchsetzen. Mittlerweile wird es auch bei der taz nur noch sporadisch benutzt, die Entscheidung liegt bei den Autoren.

Ästhetik ist wichtig

Auch Ute Scheub befürwortet eine pragmatische Verwendung: „Bei manchen Themen wirkt es einfach nur albern, dann wirkt der Versuch sich geschlechtergerecht oder geschlechtsneutral auszudrücken wie eine Krücke, man stolpert förmlich darüber. Es ist Unsinn, in solchen Situationen darauf zu beharren.“ Sprache solle ja auch nicht „verhässlicht“ werden, der ästhetische Aspekt müsse immer miteinbezogen werden. „Sonst ruft das Wiederstand hervor – oder alle lachen sich kaputt“, sagt sie.

Am sinnvollsten sei es, abzuwechseln und sowohl die männliche als auch die weibliche Form in den Text einzustreuen, so Scheub. Auch die Handreichung der UNESCO zum „nicht-sexistischen-Sprachgebrauch“ (PDF) empfiehlt Abwechslungen. Ebenso seien Alternativen anzuwenden, wie „Teams“ statt „Mannschaften“ oder und neutrale Pluralformen wie „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiter“.

Jenseits von Mann und Frau

Eine gendergerechte Sprache erfordert weit mehr, als nur Mann und Frau zu repräsentieren. Auch die Menschen, die keinem definierten Geschlecht angehören, sogenannte Transgender, müssen sichtbar gemacht werden. Das ermöglicht die Nutzung des „Gender Gap“, der Platz zwischen der männlichen und weiblichen Endung lässt: Politiker_innen und Journalist_innen. Ute Scheub gefällt die Variante mit der Leerstelle – kritische Stimmen befürchten eine Unzufriedenheit der Menschen, die „unten auf dem Strich liegen.“

Eines macht die Diskussion deutlich: Es gibt keine Ideallösung, die alle Probleme löst und mit der jeder Mensch vollends zufrieden wäre. Wichtig sei es aber die Diskussion und das Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Für die nötige Aufmerksamkeit könne man zum Beispiel Sprachguerilla-Aktionen organisieren, schlägt Ute Scheub vor. Die Idee war nach ihrem Vortrag mit Begeisterung aufgenommen worden, die Teilnahme trotz des Zuspruches eher gering. Obwohl Scheub soziale Netzwerke wie Facebook ablehne, sei eine Verabredung zu solchen Aktionen im Internet eine gute Möglichkeit, „einen Tag lang etwas sprachlich ganz anders zu gestalten.“

2 Comments

  1. Ein Mann
    Posted 1. Juni 2011 at 20:08 | Permalink

    Ich persönlich halte das “Binnen-I” für eine total bescheuerte Erfindung. Im Englischunterricht lernte ich an einer netten Anekdote (ganz kurz die Pointe: “the doctor” war die Mutter) wie schnell man sich eigentlich an eine neutrale Berufsbezeichnung gewöhnen kann, bzw. dass die “männliche” Vorbelegung trotz des maskulinen Artikels gedanklich Überwunden werden kann.

    In dem man gendertypisch wiederum unterscheidet (Mörder vs. MörderIn – letzteres hört man seltenst. Warum? Ist das nicht Heuchlerisch?) macht man doch den Gleichstellungsanspruch wieder zu Nichte.
    Auch heute verdienen Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit, anderseits wird man z.B. als Mann und Bürgermeister blöde angeguckt wenn man in Elternzeit will (Tübingens OB Palmer).

    Naja.. ich bin kein Feminist sondern an Gleichstellung interessiert.

    In Israel müssen z.B. Frauen 21 Monate und Männer drei Jahre ihren Wehrdienst leisten. Dafür können sie Kinder gebären – müssen aber nicht.

    Als Mann wird man z.B. eher erschossen, als Vergewaltigt – was “besser” ist darf jeder für sich selbst ausmachen.

    Dank der biologischen Unterschiede wird es immer Vor- und Nachteile für eines der beiden Hauptgeschlechter geben (von den Unglücklichen die psychisch und/oder physiologisch nicht in das Schema passen rede ich erst gar nicht)

    Tja – es bleibt also kompliziert..

  2. Posted 18. Juni 2011 at 11:16 | Permalink

    @”Ein Mann”
    Na, vielleicht sollten wir dann im Deutschen auch auf neutrale Artikel umsteigen. Denn unsere Implikation von Standard-Männlich rührt ja aus der Verwendung des männlichen Artikels her. Wenn wir statt “der Doktor” – was eindeutig männlich und nix anderes impliziert und konnotiert – könnten wir schreiben “das Doktor”, wobei sich jede_r ein beliebiges Geschlecht (oder auch gar keines) vorstellen kann. Das wäre sicher gewöhnungsbedürftig, aber nicht die schlechteste Lösung. Und unsere Sprache bietet für den Artikel “das” eindeutige grammatikalische Regelungen, wir müssten keine neuen Regeln dazu erfinden.

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Ute Scheub, Jahrgang 1955, war 1978/79 Mitbegründerin der taz. Seit 1997 ist sie als freie Publizistin tätig und veröffentlicht Bücher, Aufsätze, Kurzgeschichten und Essays. 1992 erhielt sie den Ingeborg-Drewitz-Preis der Humanistischen Union Berlin für ihr publizistisches Gesamtwerk.

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